Merle-Hund: So gefährlich ist der Gendefekt

Ein Merle-Hund ist wunderschön. Allerdings beruht diese ganz besondere Fellfarbe auf einem Gendefekt. Und der kann schlimme Folgen haben.

Merle-Hund: Die Fellfarbe ist einzigartig
Kuckuck! ♥ Merle ist eine traumhaft schöne Fellfärbung. Leider ist sie nicht ohne Risiko. ©molka/iStock
• Merle ist eine besondere Fellfärbung bei Hunden.
• Bei einigen Hunderassen tritt Merle vermehrt auf.
• Der Gendefekt, der dahintersteckt, birgt massive gesundheitliche Risiken.

An Hunden mit der Fellfärbung Merle bleiben die Augen ganz automatisch kleben. Sie sind nämlich so außergewöhnlich gefärbt, dass man gar nicht anders kann, als sie anzugucken.

Merle tritt bei ganz verschiedenen Hunderassen auf. Bei einigen gehört diese besondere Farbe sogar zum Zuchtstandard. Lies hier:

  1. Was es mit Merle auf sich hat,
  2. warum die tolle Zeichnung leider auch ein massives Risiko birgt und
  3. worauf Du als Welpeninteressent oder -interessentin beim Kauf eines Hundes mit der Fellfärbung Merle achten solltest.

Was ist der Merle-Faktor beim Hund?

Die so besonders gezeichneten Hunde mit der schönen Fellfarbe und den faszinierenden Augen haben einen Gendefekt. Genauer gesagt gab es bei diesen Hunden auf einem Chromosom (nämlich dem mit dem Namen CFA10) eine Mutation eines Gens.

Das Gen nennt sich „Silver-Locus-Gen“ (auch „SILV-Gen“ oder „Pmel17“ genannt). Es bestimmt darüber, welche Farbe bestimmte Haare des Hundes bekommen. Die Haare, über deren Farbe es bestimmt, erscheinen deutlich aufgehellt. Alle anderen Haare zeigen die sonst für die jeweilige Rasse übliche Fellfarbe.

Wie sieht ein Merle-Hund aus?

Ein Hund mit Merle-Faktor ist immer ein echter Hingucker auf der Hundewiese. Die besondere Fellfarbe lässt ihn einfach aus der Gruppe der anderen knuffigen Vierpfoter herausstechen.

Ein Merle-Hund entspricht vom Körperbau her dem, was sein Rassestandard vorsieht. Lediglich die Fellfarbe unterscheidet sich von dem sonst Üblichen.

Der Gendefekt sorgt dafür, dass bestimmte Haare, die normalerweise deutlich dunkler wären, aufgehellt werden. Gleiches gilt für die Haut an diesen Stellen und sogar für die Augen. So wird aus einem schönen Schwarz oft ein Grau oder Braun.

Das Besondere sind aber vor allem die farblichen Nuancen. So zeigen einige Hunde mit Merle-Gen stellenweise

  • silbergraues,
  • kupferfarbenes,
  • rosafarbenes oder
  • blaugraues Fell.

Außerdem sind manche Fellbereiche ganz weiß.

Die verschiedenen Merle-Typen beim Hund

Mit welcher Fellfarbe ein Welpe mit Merle-Faktor in die Welt purzelt, hängt davon ab, welche Grundfarbe sein Fell normalerweise hätte. Abhängig davon können die folgenden Merle-Typen entstehen.

1. Red Merle

Zeigt ein Merle-Hund ein rötlich oder bräunlich geschecktes, geflecktes oder gesprenkeltes Fell, spricht man von „Red Merle“. Diese Variante wird auch „Chocolate Merle“ oder „Brown Merle“ genannt und ist eher selten anzutreffen.

Ein Welpe mit Red-Merle-Zeichnung flitzt durch den Schnee
Merle-Faktor bei Hunden

2. Blue Merle

„Blue Merle“-Hunde tapsen mit oft grauem Fell durch die Gegend, das schwarze Flecken hat. Diese Färbung wird häufig auch „Black Merle“ genannt. Manchmal ist auch silbergraues Fell mit einem Stich ins Blaue zu beobachten.

Die Merle-Kategorien: von atypisch bis Harlekin

Diese farblichen Abweichungen können bei den Hunden als Flecken, Sprenkel oder als große Abzeichen auftreten. Abhängig von dem Aussehen der Zeichnung unterteilt man die Hunde mit Merle-Gen in die folgenden vier Kategorien.

1. Atypische Merle-Hunde (Ma)
Diese Hunde zeigen kein Merle-Muster, sondern lediglich aufgehellte bzw. rötliche Abweichungen des Fells.

2. Kryptische Merle-Hunde (Mc)
Hier spricht man auch von "Phantom-Merle", denn diese Hunde haben eine ganz normale Fellfarbe oder zeigen nur ganz kleine Bereiche, die das Merle-Gen verraten.

3. Klassische Merle-Hunde (M)
Große, aber unregelmäßig geformte, normal gefärbte Fellbereiche wechseln sich bei diesen Hunden mit Stellen ab, an denen die Farbe deutlich aufgehellt ist. Wo sich welche Bereiche ihren Platz am Hund suchen, ist komplett zufällig.

4. Harlekin-Merle-Hunde (Mh)
Hier ist der Name Programm, denn diese Hunde haben ein besonders auffälliges Muster im Fell: Zwischen den aufgehellten und den normal gefärbten Stellen liegt bei diesen Vierpfotern eine vollkommen weiße Fellfläche.

Welche Hunderassen sind besonders oft betroffen?

Der Gendefekt tritt bei bestimmten Rassen besonders häufig auf. Das liegt zum einen an der Willkür der Natur, zum anderen an manch findigem Züchter, der meint, mit diesen speziell gefärbten Welpen mehr Geld verdienen zu können.

Und tatsächlich lassen sich einige Käufer für die spezielle Fellfarbe bei Hunden begeistern. Ganz unbedenklich ist das allerdings nicht. Warum das so ist, liest Du im nächsten Absatz direkt unter der Auflistung der Hunderassen.

Bei diesen Hunderassen ist der Merle-Effekt recht häufig:

Warum ist das Merle-Gen gefährlich?

Das Merle-Gen bzw. der Merle-Faktor ist wie oben beschrieben ein Gendefekt. Und wann immer an den Genen etwas nicht ganz nach Plan verläuft, kann das enorme Folgen für den Träger oder die Trägerin dieser Gene haben: In diesem Fall sind es die Hunde.

Viele Hunde mit Merle-Gen können gesund und munter (und mit einer wunderschönen Fellfarbe) durch die Welt tapsen. Sie haben – obwohl sie die genetische Besonderheit aufweisen – keinerlei körperliche Einschränkungen. Werden diese Hunde jedoch mit anderen Tieren verpaart, die ebenfalls über den Merle-Faktor verfügen, können erhebliche gesundheitliche Probleme bei den Welpen entstehen.

Züchter müssen deshalb besonders aufpassen, wenn sie einen Merle-Hund mit einem weißen oder sehr hellen anderen Hund für den nächsten Wurf kreuzen. Bei dem weißen oder sehr hellen Hund kann das viele Weiß die Merle-Scheckung überdecken. Man nennt solche Hunde daher auch oft „versteckte Schecken“. Um auszuschließen, dass der helle oder weiße Hund den Gendefekt aufweist, ist ein Test unbedingt sinnvoll. (Mehr dazu liest Du weiter unten.)

Welche Krankheiten können durch den Merle-Faktor entstehen?

Welpen von zwei Elterntieren mit Merle-Gen nennt man auch „Doppelmerle“. Die möglichen gesundheitlichen Folgen für diese Vierpfoter sind massiv.

Diese gesundheitlichen Probleme können bei Doppelmerle-Hunden auftauchen:

  • Missbildungen der Augen
    Die Hunde können mit zu kleinen Augäpfeln auf die Welt kommen (Mikrophthalmie), mit entrundeten Pupillen (Dyskorie) oder mit Spaltbildungen in der Iris, Retina, Linse, Aderhaut oder im Augenlid (Kolobome). Hunde mit diesen Problemen an den Augen sind blind.
  • Skelettdeformationen
    Hunde mit zwei Merle-Eltern können außerdem unter starken Missbildungen des Skeletts leiden.
  • Missgebildete Geschlechtsorgane
    Die Hunde zeigen außerdem u. U. Deformationen an den Fortpflanzungsorganen.
  • Fehlgebildetes Herz
    Auch am Herz kann es zu Missbildungen kommen.
  • Anomalien der Ohren/Taubheit
    Über ein Drittel der Hunde hat Probleme mit dem Gehör. Viele Tiere sind taub. Auch der Gleichgewichtssinn ist oft eingeschränkt.
  • Erhöhte Sterblichkeit
    Nicht zuletzt kann es bei Welpen von zwei Merle-Hunden zu einer erhöhten Sterblichkeit kommen.

Hund mit Merle-Faktor: Dieser Corgi ist besonders gefärbt
Merle tritt bei bestimmten Hunderassen gehäuft auf. Der Corgi (den man hier fast nicht erkennt) gehört dazu. ©Evrymmnt/iStock

Wie wird der Merle-Faktor vererbt?

Das Merle-Gen wird intermediär vererbt. Das bedeutet, dass die Welpen von

  1. einem Hund mit Merle-Zeichnung und
  2. einem Hund ohne diese Besonderheit

im Aussehen eine Mischung der beiden Tiere sein werden. Sie zeigen also

  1. an einigen Stellen die für ihre Rasse typische Fellfarbe,
  2. an anderen Stellen die aufgehellte Färbung.

Hunde, die das Gen nur einmal im Erbgut aufweisen, nennt man heterozygote Tiere. Diese Merle-Hunde sind oft vollkommen gesund. Liegt das Gen jedoch in doppelter Form vor, weil die Hunde reinerbig (homozygot) sind, kommt es häufig zu den oben beschriebenen Defekten.

Ein reinerbiger Doppelmerle-Hund gibt den Gendefekt in jedem Fall an seine Nachkommen weiter, kann aber mit einem Partnertier ohne den Defekt gesunde Nachfahren zeugen. Ein mischerbiger Merle-Hund überträgt den Gendefekt mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent auf die Welpen. Je nach Partnertier ist aber auch hier das Risiko für Doppelmerle-Hunde gegeben.

Merle-Hund: Tabelle zur Vererbungswahrschenlichkeit

Diese Tabelle zeigt die Höhe des jeweiligen Risikos:

Elterntier 1
––––––-
Elterntier 2
mm
(kein Merle-Gen)
Mm
(heterozygot
=Merle-Gen
+norm. Gen)
MM
(homozygot
=Doppelmerle)
mm
(kein Merle-Gen)
100 % mm50 % Mm
50 % mm
100 % Mm
Mm
(heterozygot
=Merle-Gen+ norm. Gen)
50 % Mm
50 % mm
25 % mm
50 % Mm
25 % MM
50 % Mm
50 % MM
MM
(homozygot=
Doppelmerle)
100 % Mm50 % Mm
50 % MM
100 % MM
m=normales Gen, M=Merle-Gen

Was bedeutet das? Die Tabelle zeigt, dass bei einer Verpaarung von zwei Doppelmerle-Hunden (MM) die Welpen zu 100 Prozent ebenfalls Doppelmerle (MM) sind. Das Risiko für erblich bedingte Probleme ist bei ihnen daher immens.

Kreuzt man einen Doppelmerle-Hund (MM) mit einem mischerbigen Merle-Hund (Mm), sind 50 Prozent der Nachkommen Doppelmerle-Hunde mit dem Risiko für die Deformationen und Anomalien.

Bei zwei mischerbigen Merle-Hunden (Mm) entstehen zu 25 Prozent reinerbige Merle-Hunde (MM) mit der Gefahr der oben beschriebenen gesundheitlichen Probleme. Wird ein Hund ohne Merle-Gen (mm) als zweites Tier zur Zucht eingesetzt, können unabhängig vom Partnertier keine Doppelmerle-Hunde entstehen.

Kann man den Merle-Faktor beim Hund nachweisen?

Will ein Züchter unbedingt einen Hund mit der Fellfärbung Merle für die Zucht einsetzen, ist es absolut entscheidend, dass das andere Tier nicht über diesen Gendefekt verfügt. Da sich diese genetische Besonderheit nicht immer optisch zeigt (das Fell also ganz „normal“ weiß, schwarz oder braun ist), ist ein Gentest sinnvoll. Anhand einer Blutprobe oder eines Abstrichs von der Wangenschleimhaut kann die Mutation, die zur Fellfärbung Merle führt, nachgewiesen werden.

Natürlich kostet diese Feststellung Geld. Nicht alle Züchter sind bereit, diese Kosten zu tragen. Willst Du unbedingt einen Merle-Hund haben, kaufe ihn daher bitte unbedingt bei einem verantwortungsvollen Züchter!

Extratipp: Kaufe Deinen Hund nicht vom Züchter, sondern schaue einmal im örtlichen Tierheim vorbei. Dort wartet vielleicht nicht unbedingt ein Merle-Hund auf Dich, aber dafür ganz viele andere liebe Seelen, die sehnsüchtig auf ein neues Zuhause warten. Gib ihnen eine Chance und geh mal hin!

Ist die Zucht mit einem Merle-Hund verboten?

Die Zucht mit einem Merle-Hund ist grundsätzlich nicht verboten. Im Gegenteil: Bei verschiedenen Rassen (wie z. B. dem Collie oder Mudi) hat die Fédération Cynologique Internationale (FCI), also der Welthundeverband, diese Fellfarbe sogar als Zuchtstandard anerkannt.

Wirft man allerdings einen Blick in das Tierschutzgesetz (TierSchG), wird klar, dass die Verpaarung zweier Hunde mit dem Merle-Gen verboten sein dürfte. Schließlich heißt es dort im §11b:

„Es ist verboten, Wirbeltiere zu züchten […], soweit im Falle der Züchtung züchterische Erkenntnisse […] erwarten lassen, dass als Folge der Zucht […]

  1. bei der Nachzucht […] erblich bedingt Körperteile oder Organe für den artgemäßen Gebrauch fehlen oder untauglich oder umgestaltet sind und hierdurch Schmerzen, Leiden oder Schäden auftreten oder
  2. bei den Nachkommen
    a) mit Leiden verbundene erblich bedingte Verhaltensstörungen auftreten,
    b) jeder artgemäße Kontakt mit Artgenossen bei ihnen selbst oder einem Artgenossen zu Schmerzen oder vermeidbaren Leiden oder Schäden führt oder
    c) die Haltung nur unter Schmerzen oder vermeidbaren Leiden möglich ist oder zu Schäden führt.“

Die Zucht von Doppelmerle-Hunden gilt daher auch als Qualzucht. Im Gutachten zur Auslegung von § 11b des Tierschutzgesetzes (Verbot von Qualzüchtungen) des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft wird auf Seite 24 ein Zuchtverbot empfohlen.

Du willst einen Merle-Hund? Das solltest Du unbedingt tun

Ein Hund soll Dir ein treuer Begleiter sein und Dein Leben jeden Tag bereichern. Wir denken daher, dass die Fellfarbe völlig egal ist und (wie oben schon erwähnt) auch ein ganz anders gefärbter Hund aus dem örtlichen Tierheim die perfekte Wahl für Dich sein kann.

Soll es aber unbedingt ein Merle-Hund sein, erkundige Dich ganz genau beim Züchter über die Elterntiere. Lasse Dir zur Sicherheit diese Dokumente vorlegen:

  • Papiere des Hundes
  • Dokumente zu Voruntersuchungen
  • Nachweis über den Gentest zum Merle-Gen

Kann der Züchter diese Dinge nicht vorlegen, druckst er herum oder kommt Dir etwas anderes komisch vor, kaufe dort bitte keinen Hund. Ein seriöser Züchter hat auch das Tierwohl im Blick und geht bei seinen Würfen kein Risiko ein.

Wir wünschen Dir und Deinem ganz besonders gefärbten Vierpfoter alles Gute! ♥


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